Wenn einer eine Reise tut …


… dann kann er was erzählen. Gleich zwei Schülergruppen besuchten im April die August-Hermann-Francke-Schule: eine 12-köpfige Schülergruppe aus Sibirien und eine Gruppe mit 50 Schülern/-innen aus Gouda (Niederlande). Dieser Austausch fand nicht zum ersten Mal statt, sodass auf bewährte Strukturen zurückgegriffen werden konnte. Der Kontakt zur russischen Schule ist neu und somit als erste Reisegruppe aus so großer Entfernung etwas Besonderes. Zwei Berichte geben jeweils auf ganz unterschiedliche Art einen Eindruck von diesen Begegnungen.

„Schule beginnt früher als in Sibirien“

Bei einem Besuch in Hessen stellt natürlich die Großstadt Frankfurt einen attraktiven Anziehungspunkt dar. Aber Gießen war den Schülern/-innen schon in ihrer Heimat nicht unbekannt. Am Rande des erlebnisreichen Programms war zu erfahren, dass es in russischen Schulen ein Deutschbuch gibt, in dem die Stadt an der Lahn mit ihrem Mathematikum vorgestellt wird! So war natürlich auch das Mitmachmuseum in der Bahnhofstraße eines der Ziele, die die AHFS-Lehrer Ernst Pauls und Jochen Klautke in das Besuchsprogramm aufgenommen hatten.

Zwölf Schüler/-innen im Alter von 13 bis 16 Jahren und die Lehrkraft Larisa Stebenkowa aus der sibirischen Schule „Wirtschaftskomplex Lyzeum“ in Ust-Ilimsk waren für zwei Wochen nach Deutschland gekommen. Alle Jugendlichen hatten vorher am Deutschunterricht teilgenommen, wobei ihre erste Fremdsprache aber Englisch ist. Nach drei Tagen in Frankfurt am Main, wo die Gruppe vom Goethe-Institut betreut wurde und in der Jugendherberge wohnte, hatten die weitgereisten Gäste dann reichlich Gelegenheit, ihre Deutschkenntnisse zu nutzen, denn sie waren bei Schülern/-innen der 9. und 10. Klassen untergebracht.

Neben dem Wochenende, das in den Familien unterschiedlich gestaltet war, erlebten die russischen Schüler/-innen mit ihren hiesigen Altersgenossen zusammen nicht nur Shopping im Seltersweg und ein Heimspiel im Basketball der Gießen 46ers, sondern besuchten auch Wetzlar mit seiner Altstadt und dem Leica-Werk. Gemeinsam mit den Austauschpartnern/-innen wurde im Schulunterricht gesessen und der Kletterpark besucht. Eine Fahrt nach Thüringen ergab einen geschichtlichen Akzent mit dem Besuch der Wartburg, ergänzt durch die Besichtigung der ehemaligen Grenze an Point Alpha.

Ein weiteres Ziel war das Gießener Rathaus mit seiner Stadtbibliothek. Stadträtin Astrid Eibelshäuser empfing die russische Gruppe und die gastgebenden Schüler/-innen im Namen der Kommune. Sie beschrieb Gießen als Bildungs- und Einkaufszentrum mit einem internationalen Charakter und freute sich, mit den russischen Jugendlichen ins Gespräch kommen zu können. So ergab der Vergleich zwischen den Schulsystemen, dass die in Russland übliche Schuluniform hierzulande nicht üblich ist, während der tägliche Unterricht in der Heimat der Gäste nicht so früh am Morgen beginnt. Nach dem Austausch von kleinen Gastgeschenken waren die Schüler/-innen eingeladen, im Stadtverordnetensitzungssaal den Schauplatz der parlamentarischen Tätigkeit zu besehen. Der Einladung, sich ans Rednerpult zu stellen, kamen etliche Jugendliche gerne nach.

Mit ihrer Abschlusspräsentation begeisterten die Gäste viele Mitglieder der Schulgemeinschaft. Um das verbindende Element zu betonen, trugen sie die Ergebnisse ihrer Recherche zur Geschichte und aktuellen Situation der Russlanddeutschen vor. Neben einem Kurzfilm über ihre Heimatstadt in der Taiga und Bildern aus dem Schulleben wurden in ausdrucksstarker Rezitation russische Gedichte vorgetragen und folkloristische Tänze sowie ein russischer Walzer vorgeführt. Ein Samowar und eine Matroschka veranschaulichten wesentliche Elemente der häuslichen Kultur der russischen Gäste; sie wurden zum Abschluss des Austauschprogramms Schulleiter Lothar Jost zum Geschenk übergeben, der mit seinem Dank einen Ausblick auf den für nächstes Jahr geplanten Gegenbesuch gab.

Schüler sind Schüler sind Schüler, immer gleich

Dass Schüler/-innen doch nicht immer alle gleich sind, diese Erfahrung konnte Frau Burggraf machen, die den Schüleraustausch mit Gouda betreut:

Ich stand an die Tür der U-Bahn gelehnt – auf dem Weg zum Frankfurter Zoo. Der Mann mir gegenüber, ca. 60 Jahre alt und bärtig, ein gutmütiges Gesicht, musterte mich scharf von oben bis unten. Ich blickte ihm direkt in die Augen. Er würde mich ansprechen, ich wusste es. „Sie sind wohl Lehrerin, nicht?“, fragte er mich interessiert. Amüsiert über seine so offene Frage gegenüber einer ihm unbekannten Person nickte ich.

„Das dachte ich mir gleich“, sagte er.

„Darf ich fragen, wieso?“, fragte ich höflich zurück.

„Die Kinder … also die Schüler, die mit Ihnen fahren. Absolut wohlerzogen. So ganz anders als die meisten Schüler.“

„Wirklich?“, fragte ich.

Er nickte: „Ich weiß das, mein Vater war stellvertretender Schulleiter. Ich habe so ziemlich alles gesehen. Ihre sind sehr höflich, freundlich und benehmen sich anständig. Sie haben ja ziemlich viele mit.“

„Ja“, erwiderte ich, „es sind hundert Schüler.“

„Hundert?“, rief er verwundert aus. „Unglaublich! Wie die so geordnet in den Zug gestiegen sind, unfassbar!“

„Es erstaunt mich, wie Sie diese Schüler nach nur einigen Augenblicken so richtig charakterisieren konnten“, bemerkte ich neugierig. Ich hatte den Mann ja gerade erst wahrgenommen.

„Oh, ich beobachte sie schon, seit wir aus Gießen abgefahren sind!“

Solche oder sehr ähnliche Reaktionen hörte ich noch öfter, vom Museumspersonal, völlig Fremden, die uns gesehen – oder besser beobachtet – hatten. Natürlich, mit 100 Personen fällt man immer und überall auf … aber nicht immer positiv. Ich freute mich und tue es noch, dass wir mit 50 deutschen und 50 niederländischen Schülern/-innen so positive Zeichen gesetzt haben. Es zeigt, dass ein interkultureller Austausch nicht nur dazu da ist, dass man für sich selbst Erfahrungen mitnimmt, sondern auch anderen etwas geben kann.

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